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Bürgerengagement und Vernetzung ins Gemeinwesen

- Samariterstiftung gestaltet Beziehungen -

Eine lange Tradition

„Wir sind in der SAMARITERSTIFTUNG stolz und dankbar, dass so viele Menschen unsere Arbeit durch freiwillige Tätigkeit unterstützen. Dabei geht es nicht darum, Teile der hauptamtlichen Arbeit mehr und mehr durch freiwillige Tätigkeit zu ersetzen, sondern vielmehr um die dringend notwendige Ergänzung professioneller Hilfe: Freiwillig engagierte Menschen bringen Kompetenzen, Beziehungsfelder, soziale Kontakte mit in unsere Einrichtungen – und damit auch mehr Lebensqualität im Sinne unseres diakonischen Auftrages. Zugleich ist solches Engagement auch Vorbild und wegweisendes Zeichen dafür, wohin wir uns in unserer Gesellschaft entwickeln müssen: zu einem Gemeinwesen mit mehr Solidarität und Miteinander.“ So ist 2004 im Fortbildungsheft für Ehrenamtliche der Samariterstiftung „Ehrenamtlich Engagiert“ zu lesen. In den 35 Einrichtungen der Samariterstiftung in Württemberg engagieren sich weit über 1.000 Frauen und Männer ehrenamtlich in der Hilfe, Begleitung und Betreuung der 3.800 alten, behinderten und kranken Menschen, die in der Samariterstiftung leben und arbeiten. Sie leisten damit einen wesentlichen Beitrag zur Einbindung unserer Einrichtungen ins Gemeinwesen. Ehrenamtliches Engagement hat in der Samariterstiftung eine lange Tradition. Schon die Gründung der Samariterstiftung Ende des 19. Jahrhunderts geht auf das Engagement von Stuttgarter Bürgerinnen und Bürgern zurück. Die Not behinderter Menschen und junger Frauen „rührte die Bürger an“ und lies sie aktiv werden.

Von der neuen Notwendigkeit

Durch die Veränderungen des Sozialstaates steigt die Bedeutung ehrenamtlich engagierter Bürgerinnen und Bürger: einerseits durch die Entwicklung ergänzender Hilfekonzepte, die verstärkt im Wohnumfeld und im Gemeinwesen ansetzen und dem Hilfesuchenden möglichst ein autonomes Leben ermöglichen sollen, andererseits durch die begrenzten Finanzressourcen u.a. aufgrund der demographischen Entwicklung und des medizinischen Fortschritts. Um den Menschen in den Einrichtungen der Samariterstiftung weiterhin passende individuelle Angebote machen zu können, will die Samariterstiftung das Bürgerengagement stärken und es in einen Hilfemix zusammen mit professioneller Arbeit einbinden. Ihr Ziel dabei: die Lebensqualität der hilfebedürftigen Menschen und die Qualität professioneller Pflege und Betreuung zu steigern. Gleichwohl soll Bürgerengagement professionelle Arbeit ergänzen, nicht ersetzen. Im Ausbau und der Gestaltung des Zusammenspiels haupt- und ehrenamtlicher Mitarbeitenden sieht die Samariterstiftung eine Zukunftsaufgabe, die auch für die Entwicklung einer humanen Gesellschaft wichtig ist. Es bedarf einer „neuen Kultur sozialer Verantwortung“ aller Bürger und gesellschaftlicher Gruppen, Vereinigungen und Unternehmen. In der Gesellschaft ist eine hohe Sensibilität für diese neue Kultur sozialer Verantwortung zu spüren. Gelingt es diese aufzunehmen, liegt in der Weiterentwicklung unseres Sozialsystems eine große gesellschaftliche Chance.

Vom Ehrenamt zum Beziehungsmanagement

Aus dem Wissen heraus, dass das Zusammenspiel von haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitenden nicht von selbst funktioniert und gestaltet werden muss, wurde in der Samariterstiftung 2001 das Referat Kommunikation und Gesellschaft geschaffen, mit der Aufgabe, diesen Prozess fachlich zu gestalten. Außerdem wurden in jeder Einrichtung Ehrenamtsbeauftragte benannt.

Vier Schwerpunkte bilden die Leitschnur des Ehrenamtskonzepts:

1. Wir sind vor Ort – Teil der Gemeinde

Dieses Motto beschreibt das Grundanliegen der Samariterstiftung und spiegelt sich auch in ihrem Leitbild wieder: „Wir pflegen gute Beziehungen zu den Kommunen, suchen partnerschaftliche Zusammenarbeit, stärken ehrenamtliches Engagement und halten die Türen unserer Einrichtungen offen für die Begegnung zwischen den Menschen“. Soziale Arbeit braucht Integration ins Gemeinwesen zum Wohle der alten, kranken und behinderten Menschen. Schon immer gab es Beziehungsnetzwerke, in denen die Samariterstiftung und ihre Einrichtungen eingebunden wurden. Diese Netzwerke sollen nun gezielt ausgebaut werden, denn die Samariterstiftung ist davon überzeugt, dass der Aufbau institutioneller Kooperationen zwischen den verschiedenen gesellschaftlichen Akteuren und Gruppen, zwischen Ökonomie, Sozialwesen, Politik, Kultur und Kirchen in hervorragender Weise geeignet ist, langfristig stabile Beziehungsnetzwerke und Strukturen zu schaffen, die das ‚soziale Kapital’ einer modernen Zivilgesellschaft nachhaltig fördern. Der Aufbau solcher Strukturen bürgerschaftlichen Engagements trägt entscheidend zur eigenen mittel- und langfristigen Zukunftsfähigkeit Sozialer Unternehmen bei.

2. Bürgerinnen und Bürger als Partner

Die Bereitschaft vieler Bürgerinnen und Bürger, sich in den Einrichtungen zu engagieren, ist groß. In vielfältiger Weise schenken Frauen und Männer den alten und behinderten Menschen Zeit: Zeit der Zuwendung, Zeit zum Vorlesen, Zuhören, Spazierengehen – ein Zeit-Engagement mit eigenem Wert. Damit das Engagement der Haupt- und Ehrenamtlichen sich optimal ergänzt, bedarf es einer guten Organisation des Zusammenspiels und einer qualifizierten Steuerung der unterschiedlichen Talente und Zeitmöglichkeiten der Ehrenamtlichen.

3. Neue Formen des Ehrenamts

’Ehrenamt’ meint in der Regel das freiwillige Engagement einzelner Frauen und Männer für soziale, kulturelle und politische Ziele. Die Samariterstiftung will gleichwohl auch Gruppen, Vereine und Unternehmen ansprechen, denn auch sie tragen Verantwortung für das soziale Miteinander. Die bereits große Bereitschaft dazu kann noch stärker genutzt werden.

4. Aufbau einer Anerkennungskultur

Bürger engagieren sich einerseits, weil sie die Gesellschaft mitgestalten wollen oder auch einfach nur, um mit anderen Menschen zusammen zu kommen. Sie erwarten von ihrem Engagement ein Plus an Lebensgefühl und Lebensfreude. Die Tätigkeit soll Spaß machen und interessante soziale Kontakte bringen. Der eigene Horizont kann dabei erweitert werden.

Damit ehrenamtlich engagierte Bürger ihre Wertschätzung auch spüren, hat die Samariterstiftung eine Anerkennungskultur aufgebaut. Zentraler Ansatzpunkt ist die Begleitung und Betreuung, das Wahrnehmen des Engagements in den einzelnen Einrichtungen vor Ort. Teilnahme an Teambesprechungen, regelmäßige Treffen der Ehrenamtlichen, Teilnahme an Mitarbeiterfesten gehören zum Standard. Ergänzt wird das Angebot von übergreifenden Fortbildungsveranstaltungen. Höhepunkt ist der „Dankeschöntag“, zu dem der Vorstand der Samariterstiftung einlädt. Über 300 Teilnehmer erleben jährlich an diesem Tag, dass die Samariterstiftung ihr Engagement dankbar wahrnimmt und schätzt. Die Fortbildungsangebote und der Dankeschöntag haben hohen Symbolwert für alle Ehrenamtlichen. Sie erleben: „wir sind wichtig!“.

Stiftung ZEIT FÜR MENSCHEN

Bürgerengagement braucht Zeit und kostet Geld. Deshalb gründeten 2004 auf Anregung der Samariterstiftung Unternehmen, Politiker aller Parteien sowie Bürgerinnen und Bürger die Stiftung ZEIT FÜR MENSCHEN. Zeit ist für die Menschen, die Hilfe benötigen, das wichtigste Gut. Deshalb hat sich die Stiftung zum Ziel gesetzt, zusätzliche Zeit – vor allem über Bürgerengagement – für die Einrichtungen der Samariterstiftung zu organisieren und die Vernetzung ins Gemeinwesen zu unterstützen. Die Stiftung ZEIT FÜR MENSCHEN unterstützt die Samariterstiftung finanziell, bei der Fortbildung Ehrenamtlicher, sie motiviert Bürgerinnen und Bürger, sich zu engagieren und initiiert z.B. Kooperationen mit Firmen, Schulen. In den fünf Tochterstiftungen bringen über 200 Stifterinnen und Stifter ihr Wissen und ihre Erfahrungen ein und geben der Samariterstiftung auf vielfältiger Weise Impulse und Unterstützung. Die Stiftung arbeitet eng mit der Samariterstiftung zusammen und unterstützt diese, ihr Beziehungsnetzwerk zu stärken und zu erweitern.

Beispiel, die Mut machen

PANE – Pflegende Angehörige Entlasten

PANE ist ein ehrenamtlich organisierter Besuchsdienst der pflegende Angehörige entlastet. Ausgehend von der Initiative einer engagierten Ruheständlerin entstand in Zusammenarbeit mit der Diakoniestation Stuttgart-Sillenbuch und den örtlichen Kirchengemeinden der Besuchsdienst PANE. Derzeit engagieren sich ca. 30 Ehrenamtliche bei PANE. Sie besuchen alte und kranke Menschen, reden und spielen mit ihnen und ermöglichen so, dass pflegende Angehörige ohne großen Aufwand entlastet werden, um bspw. eigene Angelegenheiten erledigen oder einfach einen „freien Nachmittag“ haben zu können.

PANE wird von einer ehrenamtlichen Koordinatorin organisiert. Sie führt die Erstgespräche mit interessierten Ehrenamtlichen durch, um Motivation und biographischen Hintergrund besser kennen zu lernen. Über den Kontakt zur Diakoniestation werden ihr Pflegehaushalte genannt, die eine Entlastung wünschen. Die direkt im Besuchsdienst tätigen Ehrenamtlichen werden in Form von vierteljährlichen Treffen fachlich und persönlich begleitet.

Netzwerk Samariterstift Grafeneck

Das Samariterstift Grafeneck ist eine Einrichtung der Behindertenhilfe auf der Schwäbischen Alb. Schon immer war es den Verantwortlichen Grafenecks wichtig, trotz ihrer Abgelegenheit, die Einrichtung ins Gemeinwesen zu vernetzen. In den vergangen Jahren wurden zwei weitere Ehrenamtsprojekte aufgebaut: das Schlosscafe und die Kooperation mit der Robert Bosch GmbH Reutlingen. Seit fünf Jahren gestalten 22 Gruppen aus der näheren Umgebung an den Sommersonntagen das Schlosscafe zu einem Begegnungsort für die Bewohnerinnen und Bewohner, für Wanderer und Gäste. Vier Frauen aus den umliegenden Gemeinden, übernehmen jedes Jahr die Planung des Cafes, werben, koordinieren, machen Mut und leiten an. Über 100 Gruppen, wie etwa der Fahrsportverein, DLRG, Albverein, Konfirmanden, Kirchenchor, Parteien, freiwillige Feuerwehr, Gemeinderat usw. erleben zusammen mit ihrem Freundeskreis das Miteinander von behinderten und nicht behinderten Menschen und spüren, dass behinderte Menschen Teil der Gesellschaft sind.

Jedes Jahr ist Boschtag in Grafeneck. Regelmäßig engagieren sich freiwillig über 50 Reutlinger Boschmitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit Familien. Eine Grillstelle wird gebaut, die Grabsteine des Friedhofs werden ausgebessert, ein Weg der Sinne wird angelegt und ein Gehege für den Streichelzoo wird gebaut. Ein Ausflug ins Lautertal mit den Bewohnern und das gemeinsame Grillen am Abend bringt Farbe ins Leben der behinderten Menschen. Seit fünf Jahren werden diese Aktionstage in guter Partnerschaft zwischen der Leitung Grafenecks und den engagierten „Boschlern“ vorbereitet und ausgebaut. So arbeiten jedes Jahr einige Bosch-Azubis zehn Tage in der Werkstatt oder auf Wohngruppen mit. Acht „Boschler“ betreuen den Grafenecker Fußball-Fanclub und fahren mehrmals im Jahr gemeinsam ins Fußballstadion. Andere „Boschler“ haben sich dem Grafenecker Freundeskreis angeschlossen. Angeregt durch die Reutlinger engagieren sich inzwischen die Feuerbacher „Boschler“ in Zuffenhausen und Leonberg auf ähnliche Weise.

Eine Patenschaft für die Werkstatt am Neckar hat sich entwickelt

Joachim Jung, Geschäftsführer des mittelständischen Unternehmens IST-METZ GmbH aus Nürtingen, ließ sich 2004 gleich von der Idee, die Stiftung ZEIT FÜR MENSCHEN zu gründen, anstecken und wurde Gründungsstifter. Herr Jung wollte aber nicht nur Geld geben, sondern die Stiftung auch mit Leben erfüllen. So stand er von Anfang an mit Rat und Tat zur Seite, beteiligte sich am Dialog der Führungskräfte bei den „Kirchberger Impulsen“ und integrierte ins Ausbildungskonzept der IST-Azubis ein Sozialpraktikum in der Werkstatt für behinderte Menschen in Wendlingen. Nach dem plötzlichen Tod von Herrn Jung gründete die Firmenleitung zu Ehren Ihres Geschäftsführers die JOACHIM JUNG STIFTUNG eine Tochterstiftung von ZEIT FÜR MENSCHEN. Sie übernimmt die Patenschaft für die Beschäftigten der Werkstatt am Neckar. Firmenleitung, Betriebsrat und Beschäftigte wollen mit dieser Stiftungsgründung die Menschen mit psychischer Behinderung bei ihrer persönlichen und fachlichen Qualifikation unterstützen und bei ihrer Integration in den allgemeinen Arbeitsmarkt mithelfen. Ein ehrenamtlicher „Geschäftsführer“ koordiniert die Aktivitäten der JOACHIM JUNG STIFTUNG - Zeit für Menschen. Dieses Beispiel zeigt, dass Bürgerengagement durch Beziehungspflege wächst.

Eine Bürgergesellschaft braucht den Dialog zwischen Sozialem, Politik und Wirtschaft

Durch Veranstaltungen, Gespräche mit Politikern, Einkehrtage für Führungskräfte aus Profit- und Non-Profit-Unternehmen werden Beziehungen geknüpft und gepflegt.

Die Samariterstiftung wird dadurch als großes, professionell arbeitendes Sozialunternehmen wahrgenommen. Soziale Themen werden zur Diskussion gestellt, die Zivilgesellschaft wird gestärkt. Jedes Jahr veranstalten Samariterstiftung und die Stiftung ZEIT FÜR MENSCHEN in Stuttgart das Forum Zivilgesellschaft, um das Thema Bürgerverantwortung ins öffentliche Bewusstsein zu bringen. Zusammen mit der BruderhausDiakonie und dem Kloster Kirchberg werden die Kirchberger Impulse oder Veranstaltungen mit der IHK Reutlingen durchgeführt. Ziel des Dialogs zwischen Wirtschaft und Sozialem ist der Austausch von Erfahrungen, die gemeinsame Verantwortung für Ökonomie und Sozialpolitik. Beim jährlichen „Gansessen“ treten Firmen, die mit den acht Werkstätten für behinderte Menschen zusammenarbeiten, in Dialog mit den Verantwortlichen der Samariterstiftung. Dieser Dialog ist der Samariterstiftung sehr wichtig und gehört als Kernaufgabe in die Konzeption bürgerschaftlichen Engagements und Verantwortung.

Herausforderungen der Zukunft

All diese Beispiele zeigen, dass Bürgerengagement vorrangig Beziehungsarbeit ist und deshalb gemanagt werden muss. Dabei ist Kontinuität wichtig und vor allem das Bewusstsein, dass Bürgerengagement sozialpolitisch immer mehr Bedeutung bekommt und nicht nebenher organisiert werden kann. Es ist wünschenswert, dass jede Einrichtung ein funktionierendes Netz Beziehungen aufbaut und pflegt.

Eine große Herausforderung, die noch bewältigt werden muss, ist ein funktionierendes Zusammenspiel der Bürger/innen mit den Fachprofis. Hier gibt es noch viel Klärungsbedarf, z.B. wer welche Aufgabe übernehmen kann, bzw. muss. Ängste auf Seiten des hauptamtlichen Personals sind ernst zu nehmen, dürfen aber nicht die Entwicklung hin zu einem Gemeinwesen mit mehr Solidarität und Miteinander verhindern.

Eine zweite Herausforderung ist die Gestaltung des Bürger-Profi-Mix bei neuen bürgernahen Angebotsformen.

Otto Haug, Leitender Referent der Samariterstiftung, Nürtingen

Literaturhinweis, Quellenangabe

Broschüre: Das Zusammenspiel von Hauptamtlicher Arbeit und Bürgerengagement Herausgeber Samariterstiftung und Stiftung Liebenau


  

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